Gründerrekord – und das große Wegsehen

Ein Rekordjahr. Noch nie so viele Neugründungen wie 2025. Die Bundesregierung feiert sich selbst, verweist auf Förderprogramme, auf den Deutschlandsfonds, auf verbesserte Rahmenbedingungen und auf neue Strategiepapiere aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Viel Optimismus, viele Schlagworte – und eine Frage, die in der Jubelkommunikation auffällig leise bleibt: Wie viele dieser Start-ups sind bereits wieder gescheitert?

Denn Gründerrekorde sind billig, wenn man nicht über die Halbwertszeit spricht. Eine Firma ist schnell gegründet, ein Notartermin, ein Pitchdeck, ein bisschen Förderlogik. Doch ein Unternehmen dauerhaft zu tragen, Arbeitsplätze zu sichern und Wertschöpfung zu schaffen, ist etwas völlig anderes. Genau hier zeigt sich die Sollbruchstelle der aktuellen Wirtschaftspolitik.

Der Staat mobilisiert Kapital, ja. Aber Kapital allein ersetzt keine Nachfrage, keine Planungssicherheit und schon gar kein unternehmerisches Umfeld, das atmet statt erdrückt. Bürokratieabbau wird seit Jahren versprochen, faktisch aber weiter verwaltet. Energiepreise bleiben ein Standortnachteil, Genehmigungsverfahren eine Geduldsprobe. Und wer wächst, stößt schnell an steuerliche und regulatorische Grenzen, die vor allem eines kosten: Zeit und Liquidität.

Während Ministerien Strategien schreiben und Dialogformate eröffnen, melden junge Unternehmen reihenweise Insolvenz an. Nicht, weil sie unfähig wären. Sondern weil sie in einem Umfeld starten, das Fehler bestraft, Risiken sozialisiert, Gewinne aber misstrauisch beäugt. Förderung am Anfang ersetzt keine stabile Phase danach. Wer ein Start-up einmal durch die Skalierungsphase begleitet hat, weiß: Der wahre Stresstest beginnt nicht mit der Gründung, sondern mit dem Überleben.

Der Gründerrekord taugt daher nur bedingt als Erfolgsmeldung. Entscheidend ist nicht, wie viele Firmen neu angemeldet werden, sondern wie viele nach drei, fünf oder sieben Jahren noch existieren. Solange Insolvenzzahlen nur als Randnotiz erscheinen und nicht als politischer Prüfstein, bleibt der Rekord vor allem eines: eine statistische Momentaufnahme.

Eine ernsthafte Gründerpolitik misst sich nicht an Pressemeldungen, sondern an Beständigkeit. Sie fragt nicht nur, wie Kapital aktiviert wird, sondern wie Belastungen gesenkt werden. Und sie hat den Mut, auch das Scheitern ehrlich zu bilanzieren. Alles andere ist Standortmarketing – kein Wirtschaftskurs.

Sein oder nicht sein...

Das ist auch hier die Frage – und nicht nur bei Hamlet.
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Ihr Südpfalzreporter (Der Südpfalzgestalter) André Braselmann
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