Deutschland spricht gern über Vielfalt. Behörden, Unternehmen, Medienhäuser und Parteien schmücken sich mit dem Begriff, als sei er zur moralischen Universalformel geworden. Vielfalt gilt als modern, weltoffen und demokratisch. Doch je häufiger das Wort verwendet wird, desto deutlicher zeigt sich ein Widerspruch: Gemeint ist oft nur jene Vielfalt, die politisch erwünscht ist.
Gesellschaftliche Vielfalt wird gefeiert, solange sie sich auf Lebensstile, Herkunft oder Identität bezieht. Geht es jedoch um politische Vielfalt, endet die Toleranz vieler selbst ernannter Verteidiger der Offenheit erstaunlich schnell. Wer vom vorherrschenden Meinungskorridor abweicht, wird nicht selten pauschal etikettiert, ausgegrenzt oder moralisch disqualifiziert. Das betrifft längst nicht nur radikale Positionen, sondern zunehmend auch konservative oder systemkritische Ansichten.
Dabei lebt eine Demokratie gerade davon, unterschiedliche politische Auffassungen auszuhalten. Eine pluralistische Gesellschaft bedeutet nicht, dass alle dieselbe Meinung vertreten, sondern dass verschiedene Sichtweisen friedlich nebeneinander existieren dürfen. Politische Parteien entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Strömungen. Millionen Wähler lassen sich nicht einfach wegmoralieren.
Die Debatte rund um die Alternative für Deutschland zeigt diesen Konflikt besonders deutlich. Für die einen ist sie legitimer Ausdruck politischer Unzufriedenheit, für die anderen eine Gefahr für das demokratische System. Beides darf diskutiert werden. Problematisch wird es jedoch dort, wo nicht mehr argumentiert, sondern nur noch delegitimiert wird. Wer demokratische Vielfalt ernst meint, muss akzeptieren, dass Meinungsfreiheit auch für Positionen gilt, die man persönlich ablehnt.
Gleichzeitig ist gesellschaftliche Vielfalt selbstverständlich ebenso Teil einer freien Demokratie. Menschen der LGBTQ Community haben das gleiche Recht auf Sichtbarkeit, Schutz und gesellschaftliche Teilhabe wie jede andere Gruppe. Eine offene Gesellschaft muss persönliche Freiheit ebenso verteidigen wie politische Meinungsfreiheit.
Der eigentliche Test für Demokratie beginnt nicht dort, wo alle derselben Meinung sind. Er beginnt dort, wo kontroverse Ansichten aufeinandertreffen und dennoch rechtsstaatliche Regeln gelten. Vielfalt ist nur dann glaubwürdig, wenn sie nicht selektiv angewendet wird. Wer Vielfalt fordert, muss auch aushalten können, dass sie manchmal unbequem ist.
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André Braselmann
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